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TopMagazin4_2012

78 T O P R U B R I K T I T E L Selten war ein Goldener Käfig schöner. Zwischen unverbauter Küstenlinie, wo der Urwald noch bis zum Strand hinab wu- chert und Kolibris von Blüte zu Blüte flie- gen, da sitzt Mémo und zuckt frustriert mit den Schultern. Dabei sollte man meinen, als Naturliebhaber im Garten Eden gelan- det zu sein. Die Achillessehne hört auf den Namen Kamera-Akkus. Aber Stromausfäl- le gibt es eben auch und gerade in der kolumbianischen Provinz. „Sorry, Daniel“, meint der Manager der Ecolodge El Can- til, „das Problem hat sich sicher bald erle- digt.“ Kurz darauf blinken die Leuchtdio- den wieder und auch Mémos Miene hellt sich schlagartig auf. „Sobald du fertig bist fahren wir raus zu den Walen, wir werden nicht lange fahren müssen!“ Kurz darauf zückt er auch schon das Fernglas.” Kaffee, Kokain und andere Klischees Eine Reise ins Hinterland Kolumbiens be- ginnt auf der Webseite des Auswärtigen Amtes. In Europa steht das Land am Nor- dende Südamerikas nach wie vor weniger für märchenhafte Naturerlebnisse und aro- matischen Kaffee als für politische Unru- dicht gefolgt von „Bootsfahrt“: Chocó ist das wilde Stiefkind Kolumbiens – Pisten oder gar Straßen gibt es nur zwischen Pro- vinzflughäfen und den exotisch-amazo- nisch anmutenden Dörfern wie eben Utría, in denen die bettelarmen Indios das trost- lose Dasein einer Minderheit in einem Drittweltland fristen. Hinter der Flussbie- gung ist dieser Außenposten der Zivilisa- tion schneller vergessen als der ruckelige Hinflug. Der Rest gehört dem Urwald und einem endlosen Strand. Erst eine Stunde später schälen sich plötzlich einige Holz- hütten und eine Anlegerampe aus dem Di- ckicht. Und auf der wartet bereits der Res- ortmanager zum vermeintlichen Briefing. Die Zukunft von Chocó verkörpert das Wort Ökotourismus. Nachhaltige Hotel- wirtschaft, Mitnahme von Müll in die Zivi- lisation, keine Pools, keine Kühlschränke oder Unterhaltungselektronik auf dem Zimmer und zeitlich begrenzter Strom. Natur pur eben. Amor schaltet auf Dauerfeuer Da hinten ist einer, nein, zwei, schau selbst mal durch’s Glas!“ Mémo versteht seinen Job. Keine zehn Minuten später liegt das Boot im Wasser und kurz darauf sind wir umringt von liebestollen Buckelwalen. Um uns herum schlagen Fluken auf die Ober- fläche, riesige graue Körper rauschen durch die Fluten. Vor uns, neben uns, hin- hen und Drogenkü- chen im Dschungel. Bis zum Ende seiner Amts- zeit 2010 räumte der umstrittetene Staats- präsident Álvaro Uribe unter der FARC-Gueril- la auf. Seitdem setzt das Land auf sanften Tourismus – gerade an der Westküste. Das Tor zum Pazifik ist die Mil- lionenstadt Medellín, ein Meer aus roten Backstein-Hochhäu- sern so tief in einem ge- waltigen Talkessel ge- legen, dass die Wolken- fetzen den Blick auf die „Metropole des ewigen Frühlings“ verdecken. Auch das Image der nach Bogotá zweit- größten Stadt des Lan- des hat sich gewan- delt. Aus der einstigen Hochburg von Drogen- baron Pablo Escobár wurde – den Favelas zum Trotz – ein über- raschend chices Pflaster mit moderner Architektur und einer pulsierenden Kul- turszene. Den Platz des Exportschlagers Kokain nahmen fast über Nacht Mode und günstige Schönheitsoperationen ein. Doch zumindest für die Journaille bleibt „Boob- town“ Medellín nicht mehr als ein nettes Hors d’œuvre. Als die 15-Sitz-Propellerma- schine endlich über die Ausläufer der An- den ruckelt und sich Nadelwald allmählich in Regenwald verwandelt, steigen Aufre- gung und Wortfrequenz. „Eine Freundin von mir hat zwei Jahre in Kolumbien ge- lebt und meinte, dass Chocó wunder- schön sein soll“, berichtet Kollegin Katha- rina Teutsch von der ,Frankfurter Allge- meinen’. „Nur ist sie damals nie dahin ge- flogen weil es einfach zu gefährlich war.“ Südamerikanische Kontraste Das Militär ist bis heute geblieben, mit Wärmebildkameras am Helikopter und M- 16 im Anschlag, am Flughafen wie am Strand. Ob es die versprengten Überbleib- sel der Farc unbedingt auf Touristen ab- gesehen haben, das sei mal dahingestellt. Abenteuerlich bleibt es aber auch so – und „fliegen“ bleibt das richtige Stichwort, R E I S E

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